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Was wir von Afrika lernen können

Ein Gespräch mit Mag. Hans Stoisser über die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas, die lebendige Start-up Szene und was wir von Afrika lernen können.

Im Jänner 2018 starten Sie eine Learning Journey nach Silicon Savannah in Nairobi, wo es schon eine etablierte Start-up Szene gibt. Welche anderen Hot Spots gibt es außerdem in Afrika?


Neben dem "Silicon Savannah" in Nairobi, Kenia, welcher ein ganz wichtiger Standort ist, gibt es zum Beispiel noch Kigali in Ruanda. Etwas kleiner, aber mit gut organisierten Institutionen. Das Besondere dort ist, dass die Regierung von Ruanda sich vorgenommen hat, weltweit das erste Land ohne Bargeld zu sein. Und alles stellt sich darauf ein, also Zahlungsdienste, Busfahrkarten, alles. Weitere Hot Spots sind Lagos in Nigeria, Accra in Ghana, Kairo in Ägypten, und natürlich Johannesburg und Kapstadt in Südafrika. Darüber hinaus findet man aber Start-ups und die Entwicklung digitaler Anwendungen noch an vielen anderen Orten, verteilt über den Kontinent.

Afrika hat einige technologische Schritte übersprungen: Zum Beispiel hat sich anstatt eines flächendeckenden Festnetztelefonsystems gleich das Mobiltelefon durchgesetzt. Sehen Sie dadurch auch Chancen, dass manche Entwicklungsschritte einfach ausgelassen werden?


Ja, dass die Sachen anders passieren, anders gemacht werden. Zum Beispiel das flächendeckende Ausrollen eines Bankenfilialnetzes, wie es das bei uns gibt, wurde mit der genialen Idee des Mobile Money übersprungen. Dabei ist die Mobiltelefonnummer gleich die Bankkontonummer. Wenn ich jetzt Ihre Mobiltelefonnummer eingespeichert habe, kann ich Ihnen sofort Geld überweisen. Auf einfachste Weise. Deswegen hat sich die Idee auch so rasant durchgesetzt. 


Im Westen haben es solche Entwicklungen in unserem sehr regulierten System viel schwerer sich durchzusetzen. Alles ist regulierter und wir haben einen höheren Datenschutz und viel mehr Angst vor Datenmissbrauch.

Ist die Einstellung zum Datenschutz anders in Afrika?


Innovation, habe ich gelernt, und das lernen wir auch von Afrika, passiert leichter und schneller in regelfreien Räumen. Deswegen ist es möglich, die Digitalisierung in Afrika viel direkter auf die Bedürfnisse der Menschen anzuwenden. Vor 10 Jahren ist die erste mobile Bank M-Pesa entstanden. Innerhalb weniger Jahre wurde dann mit dieser Idee über hundert Millionen Menschen ein Zugang zur Geldwirtschaft ermöglicht, den sie zuvor nicht hatten. Davor, mit dem Ausrollen der Mobiltelefonie, wurde der Zugang zu Kommunikation geschaffen. Kommunikation und geregelte Geldwirtschaft sind Grundvoraussetzungen für Wirtschaften.

Wie hat die afrikanische Start-up Szene begonnen?


Begonnen hat es ganz einfach mit den Mobiltelefonen und der Möglichkeit, SMS zu versenden. Zunächst für Marktinformationen und diverse Tipps. Zum Beispiel, auf welchen der nächstgelegenen Märkte Bananen gerade teurer verkauft werden können. Oder wie man Maniok gegen Schädlinge schützen kann. Alles noch auf Basis einfacher Tastentelefone. Selbst die ersten mobilen Banken funktionierten mit diesen alten Telefonen. Es ist aber gelungen, eine Menüführung zu entwickeln, mit der man Geld überweisen, sein Bankkonto ansehen und auch kleine Kredite vergeben konnte. Eine perfekte "User Journey", würde man heute sagen, auf dem alten Tastentelefon.


Das Mobile Money wurde dann zu einer Basistechnologie für viele andere Geschäftsmodelle. Zum Beispiel entwickelte M-Kopa "Off-Grid Solarsysteme" zur Stromversorgung für ländliche Haushalte, also die ärmere Bevölkerung. Diese Anlagen sind nicht an das Stromnetz angeschlossen, aber über eine SIM-Karte an das Telefonnetz. Sie werden auf Kredit verkauft. 20 Dollar Anzahlung, 10 Dollar monatliche Rückzahlung. Wird nicht bezahlt, wird die Anlage über das Telefonnetz von außen abgeschaltet. Die Besicherung der Kredite erfolgt also durch Abschalten der Stromversorgung.


M-Kopa ist Marktführer und hat schon 500.000 solcher Anlagen verkauft. In Ostafrika sind insgesamt über eine Million installiert worden. Das sind schon größere Dimensionen, M-Kopa ist kein Start-up mehr. Ein early follower in diesem Bereich ist Mobisol, ein deutsches Start-up. Ein anderes Beispiel ist Solantis, ein noch kleines, österreichisches Unternehmen, das seinen Sitz in Kampala (Uganda) hat.

In Ihrem Buch „Afrika, der schwarze Tiger“, schreiben Sie, dass die Entwicklung Afrikas und seine Potenziale noch nicht in den westlichen Medien angekommen ist. Was denken Sie sind die Ursachen dafür?


Vor kurzem habe ich einen Vortrag vor österreichischen und deutschen Bankern gehalten. Ich war erstaunt, wie wenige von diesen Fachleuten vom afrikanischen digitalen Geld etwas gehört hatten. Dabei handelt es sich doch um eine Technologie, die das Potenzial hat auch in Europa disruptiv zu wirken.


Unser altes Afrikabild vom Kontinent der Katastrophen und Krisen ist wohl die Ursache dafür, dass wir vieles nicht wahrnehmen. Wir lassen nur Nachrichten zu, die diesem Bild entsprechen. Positive Nachrichten, gar dass ein afrikanisches Land Marktführerschaft in einer relevanten Technologie hat, werden rausgefiltert.

In westlichen Ländern herrscht eine große Skepsis in Bezug auf die Industrie 4.0 wegen drohender Arbeitsplatzverluste. Wie sehen Sie hier die weitere Entwicklung in Afrika?


Ob die Digitalisierung mehr Arbeitsplätze schafft oder vernichtet ist eine komplexe Fragestellung, die nicht einfach zu beantworten ist. Weder bei uns, noch in Afrika.


Vorweg muss man wissen, dass derzeit viele chinesische Unternehmen ihre Produktionen nach Afrika verlagern. Über 3000 Fabriken sollen bereits entstanden sein. Irene Sun hat vor kurzem ihr Buch "The Next Factory of the World" präsentiert. In diesem stellt sie die These auf, dass die Industrialisierung Afrikas jetzt im Gange ist und deswegen passiert, weil die Chinesen ihre Fabriken dorthin auslagern. Das schafft zunächst einmal viele Arbeitsplätze.


Ob es damit zur Schaffung einer so großen Masse an Arbeitsplätzen kommen wird, wie im Westen mit dem Beginn der Industrialisierung? Eher nicht. Denn gleichzeitig wirkt bereits die Automatisierung und auch Fabriken mit automatisierten Maschinen kommen zur Anwendung.


Aber es gibt auch einen anderen Effekt: Vieles wird durch die Digitalisierung erst ermöglicht. Zum Beispiel gibt es eine kürzlich in Südafrika entstandene Fabrik, die hochspezialisiert Flugzeuge für Küstenwachen produzieren. Das ist nur möglich, weil man viele Teile importieren kann und selbst eine Produktion hat, die digital an die Wertschöpfungsketten des Westens angeschlossen sind. Das ist ein Beispiel, wo die Digitalisierung zusätzliche Arbeitsplätze in Afrika schafft.

Insgesamt meine ich, dass wir einen anderen Blick auf Afrika brauchen. Weil wir fast ausschließlich auf Katastrophen und sonstige negative Entwicklungen schauen, sehen wir die Dynamiken, die Vitalität und die in den meisten Ländern boomende Realwirtschaft nicht. Und vor allem, wir sehen die Chancen nicht. Wenn wir bei den Dynamiken nicht dabei sind, verlieren wir nicht nur ein paar Prozentpunkte an Exportwachstum. Wir verlieren den Anschluss an die Innovationen der neuen globalen Mittelschicht.

Was wir von Afrika lernen können
Jürgen Sturany
FOTO: Jürgen Sturany

ÜBER MAG. HANS STOISSER

Hans Stoisser, hat mehr als 30 Jahre lang Infrastrukturen in afrikanischen Ländern aufgebaut. Seit 1992 leitet er die Managementberatung ECOTEC, die unter anderem in Bulgarien, Palästina und Brasilien, vor allem aber in afrikanischen Ländern, tätig war. In seinem Buch „Der schwarze Tiger“ erklärt der Ökonom, warum Europa die Wende in Afrika verpasst hat, weshalb Entwicklungshilfe beim Flüchtlingsproblem nicht hilft und was wir von Afrika lernen können.

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